Für meine Mutter…

Heute ist der Geburtstag meiner Mutter… Was es bedeutet, die Tochter meiner Mutter zu sein, weiß ich ganz genau – aber wie es für meine Mutter ist, die Mutter ihrer Kinder zu sein, kann ich nicht ganz einschätzen. Meine Mutter hat vier sehr unterschiedliche Kinder, und ich glaube, es gibt kaum eine Laune, keine Allüren, die ihre Kinder ihr nicht gezeigt haben. Vier Kinder – leicht gesagt… Der Eine wird schnell wütend, der Andere ist schnell beleidigt, ein Weiterer weint bei jeder Kleinigkeit, dann gibt es immer wieder mal einen Vorwurf, reichlich viel Kritik, keinem kann sie es irgendwie ganz recht machen, alle wissen es besser als sie aber wenn sie dann auf die Nase fallen, wird sofort bei der Mutter nach Rat gesucht… und dann gibt es ab und zu Streitereien unter Geschwistern, bei denen sie als Mutter trotz aller Bemühungen auch nicht unbedingt den Höchstpunktstand erreichen kann… Und so weiter und so fort.

Meine kleine und anfangs strenge Mutter hat es tatsächlich über die Jahre ganz alleine mit vier „Monstern“ aufgenommen– ohne aufzugeben, ohne zusammenzubrechen, immer aufrecht bleibend. Die Jahre haben aus ihr eine Teflonpfanne geformt – nichts bleibt heute an ihr haften. Sie lässt jede Art von Koketterie oder egoistisches Verhalten ihrer Kinder einfach an sich abperlen. Auch wenn sie verletzt ist, zeigt sie es nicht; auch wenn sie gekränkt ist, schmollt sie nicht. Früher war meine Mutter viel strenger, heute ist sie weich wie ein Baumwollpullover, der mit Weichspüler gewaschen wurde, ganz flauschig und sanft. Ich wurde neugierig und fragte sie nach ihrem Geheimnis: Wie hat sie sich im Laufe der Zeit so verändern können? Wie ist aus dieser kritischen, anspruchsvollen, strengen Frau eine so verständnisvolle und sanfte Mutter geworden? Sie sagte: „Was soll ich machen? Ich habe inzwischen verstanden, dass man ein Kind, wenn man es einmal bekommen hat, nicht mehr zurückgeben kann… Also akzeptiere ich euch so, wie ihr seid – das macht es für mich einfacher.“

Zuerst musste ich sehr lachen über diesen Satz, aber danach hat er mich ziemlich zum Nachdenken gebracht. Ja, ist es nicht wirklich so? In diesem Leben kann man fast alles/jeden „zurückgeben“ und ersetzen, wenn man unzufrieden ist… Wenn der aktuelle Job nicht gefällt, kündigt man und findet einen Neuen. Wenn sich die Wege mit einem geliebten Menschen trennen, wird die Lücke mit einem Anderen gefüllt. Wenn es zum Bruch mit alten Freunden kommt, entstehen neue Freundschaften. Wenn dir ein Ort nicht mehr gefällt, ziehst du einfach weg. Sogar den Rock, den du gekauft hast, kannst du innerhalb von 14 Tagen zurückgeben… Es scheint, als wäre im Leben -bei Unzufriedenheit- alles austauschbar – außer, wenn es um Kinder geht. Keine Mutter sagt: „Dieses Kind gefällt mir nicht, ich bringe es zurück und tausche es gegen ein besseres aus.“ Zumindest habe ich so etwas von keiner Mutter gehört oder gesehen, die ich kenne. Natürlich kenne ich Frauen, die ihre Kinder verlassen mussten – weil die Umstände sie zu dieser schweren Entscheidung gezwungen haben. Sie gaben aber ihre Kinder nicht auf, um sie durch andere zu ersetzen.

Fassen wir zusammen: Mutter zu sein ist nicht leicht. Es braucht ein großes Herz, das anzunehmen, was da ist. Mütter, die hinter dieses Geheimnis gekommen sind, gehen also folgenderweise vor: Sie versuchen nicht, ihre Kinder zu verändern, sondern weiten ihr Herz aus, sodaß ihre Kinder trotz ihrer Unvollkommenheiten darin Platz finden… Ich behaupte es nicht – meine Mutter sagt das so.

Und nun anlässlich der Bedeutung dieses Tages: Alles Gute zum Geburtstag du wertvolle Seele, deren Teil ich bin, – auf viele weitere gesunde Jahre meine Mama! 💛

5 April 2026 / Gülsen ADALI